Künstliche Intelligenz ist mit großen Erwartungen verbunden. Sie soll Menschen entlasten, Entscheidungen fundierter machen und Organisationen helfen, ihre Ziele schneller und verlässlicher zu erreichen. Diese Hoffnung ist zwar nicht neu, gewinnt aber an Substanz, je konkreter die Anwendungsfälle werden.
In der Energiewirtschaft trifft KI auf besonders anspruchsvolles Umfeld. Hohe technische und organisatorische Komplexität, historisch gewachsene Prozesse und ein enges regulatorisches Korsett prägen den Alltag. Gleichzeitig steht über allem der Anspruch, Versorgungssicherheit zu gewährleisten, und das auch in Zukunft.
Diese Herausforderungen sind bekannt, aber keineswegs trivial. Sie betreffen zentrale Interessen der Branche:
- Strom- und Gasnetze stabil zu betreiben, trotz wachsender Volatilität und schwer vorhersehbarer Nutzung
- Prognosen nicht isoliert in einzelnen Bereichen zu erstellen, sondern entlang der gesamten Wertschöpfungskette
- Assets vorausschauend zu managen und Instandhaltung frühzeitig und bedarfsgerecht zu planen
- Marktkommunikation und Abrechnung effizient abzuwickeln, auch wenn die zugrunde liegenden Daten fehleranfällig sind
- Kundenservice und Vertrieb so zu gestalten, dass sie individuell, konsistent und vertrauenswürdig bleiben
- Handel und Portfoliooptimierung datenbasiert zu beschleunigen – auch für kleinere Marktteilnehmer und Stadtwerke
- Regulatorik, Compliance und Berichtswesen prüfungssicher und nachvollziehbar umzusetzen.
In all diesen Feldern kann KI ihren Beitrag leisten. Nicht jede KI und nicht als Allheilmittel. Aber als ein Werkzeug, das bestehende Prozesse unterstützt, verbessert oder neu zu denken gestattet. Entscheidend ist dabei weniger die Technologie selbst als die Frage, WIE sie eingeführt, integriert und betrieben wird.
Mit dieser Perspektive blicke ich gespannt auf die diesjährige E-World. Mich interessiert weniger die nächste „große“ Lösung, sondern der ehrliche Austausch über Erfahrungen aus der Praxis: Welche KI-Projekte haben tatsächlich Mehrwert geschaffen? Wo sind Erwartungen enttäuscht worden? Und warum: Welche organisatorischen, kulturellen oder regulatorischen Hürden waren ausschlaggebend?
Die KI-Transformation in der Energiewirtschaft ist kein Sprint, sondern eher ein Marathon. Und ganz gewiss ein Lernprozess. Und genau darüber lohnt es sich, miteinander ins Gespräch zu kommen.